Ein Dichter

Wie alle Unglücklichen und Verliebten war ich ein Dichter. So oder ähnlich Allen Ginsberg in einem Spielfilm. Ich weiß nicht, ob der Satz tatsächlich von ihm stammt, oder wie viele ihn erfunden haben. Ich habe seine Briefe nicht gelesen, von seinem Werk kenne ich nur Howl; mir ist das auch nicht wichtig. Lieber lasse ich mich nachhaltig vom Kern einer Winzigkeit in dieser Welt in Erstaunen versetzen denn in den Rang eines Weisen, eines Wissenden, eines irgendwie über den Anderen Stehenden.
Mir ist die Beobachtung gegeben, nach außen, nach innen. Jede Bewegung meines Kindes ist mir mehr als all die Meriten, nach denen jene strebten, die von der Welt erinnert werden. Ich will nicht erinnert werden, ich verstehe Lucian Carr. Meine Ruhe, meine eigene kleine Familie, meine tollen Verrücktheiten.
Ich bin nur gut in Anfängen. So anders, so ähnlich. Staunen, erfreuen, weiterziehen.
Ich begreife den Wert von Beständigkeit…

Meine große Freiheit bindet die größte Kette.

Nicht schwach

Ich weiß nicht, ist es Weisheit, oder bin ich einfach müde? Die letzten Jahre haben mir zugesetzt, dabei gab es nie so viel Grund, glücklich zu sein. Ich bin es nicht. Ich bin zufrieden, weise. Oder müde.
In Momenten spüre ich – und das nennt man das Gegenteil einer Synkope, das Gegenteil einer Ohnmacht, eines Aussetzers. In Momenten spüre ich, wie mir all das aus der Hand geglitten ist, das Leben und so. Alles Erleben beruft sich auf Gott, auf eine Zuarbeit von außen. Ich lebe nicht, ich werde gelebt. Alle Versuche, daran etwas zu ändern, sind wohlfeil, nie bedingungslos. Sie sind eine Eitelkeit wie dieser Text hier, sie sind zu reflektiert, um sich selbst oder mich oder irgendwen, der mich kennt, blenden zu können. Immer aber lassen sich ein paar blenden, dafür bin ich ihnen dankbar. Sie sind Schlüssel. Die ich auf der Anrichte liegen lasse. Wie komme ich wieder hinein?

Hier um mich herum kommen alle aus den Startlöchern, mich locken nur die Blumen am Wegesrand. Ich darf nicht. Ich muss. Und darum gehe ich an ihnen vorüber, unglücklich, und werde immerfort gelebt. Ich werde verlebt. Mir ist, als rauche ich passiv, als hauche man mir Leben ein, eines, das mich verdrängt. Wo bin ich? Ich weiß, wer ich bin. Aber wo bin ich? Wo?
Und wo bleibe ich, wenn ich nur ein spanisches Wort kenne, das nicht jeder kennt: pródiga. Und verwende es immer auf mich selbst. Ich bin eine warme Form, meine Knochen sind Lehm.
Golem. Und ich frage mich, wohin? Wohin geht mein Körper, wenn ihm keine Seele innewohnt, nur der abgestandene Pestatem der Fühllosen, der Gestrengen.
Mir ist wohl in meiner Haut. Und unwohl in meinem Leben.

Ich mache immer, was ich nicht soll. Ich würde schon gerne wollen, aber ich will nicht. Was kann man da tun? Ich soll wohl Arabisch lernen, aber ich lerne immerfort Persisch. Ich soll wohl Englisch beherrschen müssen, aber Französisch ist so viel schöner. Es wäre wohl klug, sich zu konzentrieren, doch bin so verstreut. Und bin es gerne.
Ich bin kein Blumenbeet, ich bin eine ausufernde Wiese, ein Samenkorn im Wind. Hier aber türmt sich all die Arbeit, die schon nach einer Woche Trägheit abzutragen eine Aufgabe für Halbgötter und Titanen wäre. Ich bin weder Halbgott noch Titan, ich bin auch viel zu schwach, mich wirksam aufzulehnen. Dabei bin ich gar nicht schwach.

Könnte ich eine Sache in meinem Leben ändern, ich würde alles ändern. Das sagt nicht, ich würde alle meine Freunde verlassen, meine Freundin und meinen Sohn, mein Studium zum vierten Mal schmeißen, fortgehen und Rimbaud mimen. Es heißt: Wäre da nur eine Erinnerung an Gott in dem Atem, den er mir einhauchte, vielleicht würde dann alles anders. Jede Bekanntschaft leuchtete auf, jede Pflicht würde zur Chance, mein Dasein eine Oase. Doch in mich geht all die Betriebsamkeit der Welt ein und wird zu Müdigkeit. Es ist eine regelrechte Stumpfheit, der Geist der Fühllosen, mit dem entscheidenden Merkmal, das mich schlusshin als tatsächlich existentes, wahrnehmendes Wesen definiert:
Ich funktioniere nicht. Das ist mein letzter Widerstand. Meine letzte Chance. Und die eine Hoffnung.

For nothing now can ever come to any good

Ein Weizenfeld umschließt die verlassene Bretterhütte,
das Antlitz eines Buches scheint auf, Sherwood Anderson,
obgleich noch nie gelesen, nur gern darin geträumt.
Der Wind geht durch das Feld, zu Hunderten biegt er
die Halme, zu Tausenden rascheln
die Ähren.
Ihr Rascheln wird zu Rauschen,
aus den Vielen eine Einheit;
ein Atem, ein Volk, eine Seele.

Eine Mühle für die Augen,
(Scheuer und Kornspeicher für
die Mäuse);
gefragt nach einem idealen Dasein
erkennt jemand meinen Wert,
da alles, was ich schrieb,
verbrannte.

Cut off the telephone –
hinfort mit dem, was uns
die Worte näher bringt,
nicht jedoch die Menschen.

Eidechse im Strauch

Suchscheinwerfer in die Nacht
ertasten ein Gesicht,
geschlossene Augen.

Ein offenes Geheimnis,
kein Versteck, nur Rückzug.
Verschwiegen, unentdeckt
den Fühllosen.

Labyrinth im Halbschatten,
ist Gleichgewicht,
Gehör.

Kranzrauschen behütet
das Bodennahe.
Blinde Seher
tasten im Staub.

Auf der Suche nach dem
Kiesel – purpurrot.

 


Urheberrechtshinweise
Artikelbild: übernommen aus Leo Lionnis „Frederick und seine Mäusefreunde“.

War so viel, ist so wenig

Jenen.
Vornehmer, nicht zu schreiben. Meint Borges.
Tausend Flüsse, kaum zu verfolgen, verästeln.
Verästeln, rätseln. Immer rätseln, er rät: selln. Immer rät: selln.
Jedem ein Traum, jedem sein eigener. Links und rechts
sinken im Moor sie ein. Verästelungen.
Träumt noch von klaren Flüssen?

Es sind schmatzende Moore. Himmeldurchstoßende Speere,
all that is solid melts into air. All that is solid melts.
Alles durchzogen von Teer, jede Seele asphaltiert.
Meine Seele war ein klarer Fluss.
Meine Seele war ein reiner Fluss.

Je n’accuse pas, je n’accuse plus.
Zu schreiben öffnet die Büchse, alles stürzt durcheinander,
flieht.

Ist ein Sturm im Wasserglas.
Ich schreibe für niemanden.
Niemand liest.

Ich schreibe,
niemand liest. Ist nicht real, nicht existent. Ist ein Schattengespinst,
züngelnder Rauch, war, ist fort, war nie, ist fort.
Wofür ich schreibe war nie,
ist fort.

War ein mächtiger Hieb, schädelzerschmetternd.
War eine Maus im Museum, die Welt zu erblicken.
Ein Porträt des Künstlers;
war noch jung, bin es nicht mehr.
Alle Stürme legen sich, ich schlafe viel.
Offenen Auges Routinen ergeben; ihr lest tausend Bücher.

Ihr lest tausend Bücher, jedes Jahr eintausend Bücher,
euer Leben ein Gang durch die Bibliothek.
Euer Leben ein Gang im Kreise herum.

Habt alles gelesen, habt nichts gelesen;
jede Verästelung ein Wurm.
Tausend Maden, konvulsivisch,
unkontrolliert.
Das Leben war nur ein Orgasmus.
Das Schreiben nur ein Orgasmus.

Abseits der Wände aus Glas ein Imperium.
Membran – sie verkaufen mir alles;
ich bin nur Geld, bin ein Wechsel.

[Dir gönn ich alles, so viel Gutes.
Jenen gönn ich alles, alles Viele.]

Sein Theaterstück schreiben
und es zeigen, heißt,
sich ins Nichts zu ergießen.
Keine Transzendenz.
Sein Theaterstück schreiben
und es zeigen, heißt,
sich zu verschenken.

Keine sprießende Wüste.

Ich kann nicht. Bin kein sprudelnder Brunnen.
Dem Wandernden ein Ziel,
dem Dürstenden das Leben.
Ich bin zu alt zum Schreiben und
auch viel zu jung.
Lausche lieber Stimmen
denn Wörtern.
Liebe nurmehr Menschen,
keine Bilder.

Ein Akt wider die Vernunft:
das hier. Ich erhoffe mir eine Leserin
und eine weitere.
Ihr anderen redet nicht.
Ihr anderen seid nicht.

Liebend les ich dem Lauschenden,
den anderen mag ich schweigen,
Ohren von Lärm versiegelt.
Vornehm ist es, zu lesen und zu lieben.
Ich lese nunmehr schweigend.

Ich schreibe immer weniger,
der Unterlauf versiegt.

Ins Leben.
Rejoindre les cieux comme la colombe.


Urheberrechtshinweis

Artikelbild: via Pixabay

Nur eine Waage, Fluchten abzuwiegen

Sterben bezieht seinen Standpunkt aus Schweigen“

Zu so wenigen Menschen pflege ich derzeit den Kontakt. Wieder das Gefühl, nichts sei wichtig und nichts verloren, für niemanden, wenn man Abschied nehmen würde – bin schon jetzt gar nicht mehr hier.

Stets schwingt in mir ein Satz mit, dem ich vor ein paar Jahren das erste Mal begegnete: „Nur eine Waage / Fluchten abzuwiegen“ – nur eine Waage, Fluchten abzuwiegen. Dieser Satz ließ mich aufhorchen und in mich gehen: Was hält uns auf zu fliehen aus einem uns unliebsamen Umfeld zum Beispiel? Sind es die Menschen, ist es die schlichte Gewohnheit, die uns zu Gefangenen macht, im immer gleichen Kreis – ohne Ausweg?

Noch feiert der Tod / das Leben in dir / Närrin in der Spirale der Eile / jeder Schritt weiter entfernt von den kindlichen Uhren / und näher und näher gefasst vom Wind / dem Räuber der Sehnsucht –“

Solange wir warten – –
Solange wir warten, spüren wir den Atemhauch des Todes im Nacken, ist dort eine Angst, nie mehr sein zu können, als wir sind.
Vor ein paar Tagen las ich bei erleichtert über das Loslassen von Identität und Titel. Die Autorin schreibt dort über die Schwierigkeiten, die es uns bereitet, über uns selbst hinauszuwachsen, weil wir uns oft nicht zugestehen, mehr sein zu können, als wir bereits durch Titel oder Berufsbezeichnung vorgeben zu sein. Und appelliert an ihre Leser: „Löse dich von ihm und du wirst sehen, dass es dich frei macht. // […] Gib dir die Konturen die du verdienst.“ Das empfand ich als sehr passend, während ich über Nelly Sachs‘ Zeilen nachsann.

Vielleicht gehört das Sterben dazu. Nicht unbedingt im wörtlichen Sinne, vielmehr im räumlichen, gedanklichen und handelndem Sinne. Wenn man oft genug sterben gelernt hat im alten Leben, kann man es schließlich zurücklassen, ohne Reue, ohne Tränen, ohne schlechtes Gewissen. Man kann endlich loslassen, sich befreien von allem, das nur den Atem im Nacken heißer macht und gieriger. Nur eine Waage, Fluchten abzuwiegen…

Und wagt man den Schritt fort von den Menschen, fort von dem Ort der Kindheit oder den Gedanken, die quälen, vom Job, den rufenden Stimmen, den reißenden Händen; fast kann man sich selbst entfliehen und hat dann die Chance sich neu zu finden.

Ein Fremder hat immer / seine Heimat im Arm / wie eine Waise / für die er vielleicht nichts / als ein Grab sucht.“

Es geht um das Loslassen der Heimat. Dafür braucht es Ruhe und Zeit. Stürzen wir uns in der Fremde sogleich auf neue Aufgaben, neue Menschen, neue Jobs und Verpflichtungen, vergessen wir vielleicht, das Alte hinter uns zu lassen und tragen nun mehr Last als zuvor. Und folglich schwerer wiegt die Schale des Todes – und das Leben so leicht, dass es beinahe schwindet.

So also befreien von der Schwere des Todes, im Augenblick des Sterbens ihm den Rücken kehren, die Flucht aus der Bedrängnis.

Abgewandt / warte ich auf dich / denn nicht dürfen Freigelassene / mit Schlingen der Sehnsucht / eingefangen werden“


sachsgDie Zitate entstammen der bereits vergriffene Ausgabe:
Nelly Sachs: Ausgewählte Gedichte
Verlag: Suhrkamp

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Artikelbild: von Namika.
Buchcover: von enzensberger.germlit.rwth-aachen übernommen.

»Daß ich nicht bleiben kann, tröstet.«

9200000033459811„Die Amsel zögert noch in einer Welt, / die innen stumm ist, außen kaum zu fühlen, / […].“ (S. 9, Vorfrühling)

An manchen Tagen ahnt man schon den Frühling. Verheißungsvoller Duft, der frühe Morgen und Abend begleitet von Vögeln, und tatsächlich scheint in manchen Stunden die Sonne mit einer solchen Kraft wie lang nicht mehr. Sie steigt hervor aus ihrem Dämmerschlaf und mit ihr streckt sich auch der Geist, und ein neuer Wunsch nach Leben und Weite wächst in den Herzen der Menschen.
Es ist ein kleiner Ausschnitt Frühling. Der Blick durchs Fenster, verschwommen vom Regen, macht ihn erahnbar – und bleibt doch unwirklich. Als wenn man lebt und doch nicht teilhat am großen Aufbruch, dem Erwachen und Streben der Welt.

Ich sitze auf dem Balkon. Es ist früher Abend. Allmählich weicht das Hell des Himmels kleinen Nadelstichleuchten der Nacht. Ich lege mein Buch zur Seite, wickle die Decke enger um mich und blicke hinauf in das abendliche Erwachen. Es ist der Trost des Nachthimmels, der mich gleichsam beklommen macht und selig. Die Hoffnung, dass ich nicht allein bin und der Unmut, dass ich doch verharre.

Ich treibe schneller, meine Träume weichen // der Endlosschleife Hoffnung, grauem Haar.“ (S. 42, Jetzt sei es an der Zeit, was vor mir liegt)

Vielleicht folge ich einer Bestimmung, deren Sinn sich mir heute noch verschießt, vielleicht wissen die Sterne mein Schicksal. Und es ist wirklich ein Gott in allen Menschen, der uns Liebe schenkt und Licht. Leiser Vogelgesang am Abend und der Glanz der Sterne, wenn es dunkelt.

Ich habe keine / Hoffnung, aber hier bin ich.“ (S. 86, Trost (Moments musicaux), 6)

Langsam wird es kälter, Wind kommt auf, Atem der Nacht. Ich schließe die Augen, träume mich an Sehnsuchtsorte, Orte des Trostes.
Man muss sie sich bewahren, diese Tröster, diese Orte, Menschen, Gesten, Blicke und Kleinode, die zeigen: Es lohnt zu hoffen und zu träumen. In Demut dem Wind.

Das Atmen ist Vertrauen ohne Sicht.“ (S. 34, Verwoben, seltsam ineinander, Hauch)

Oh, und doch beschleicht mich Zweifel, ob das Leben nicht mehr Prüfung ist als Lohn und wir verstoßen sind auf diese Erde. Heimgeholt werden, wenn wir alle Prüfungen durchstanden…?

„Daß ich nicht bleiben kann, tröstet.“ (S. 91, 11)

 


Die Seitenzahlen beziehen sich auf die gebundene Ausgabe:
Christian Lehnert: Aufkommender Atem
Verlag: Suhrkamp
Preis: 19,90 € (Vergriffen)
(Im Link daher die Taschenbuchausgabe.)

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Artikelbild: von Namika.
Buchcover: von bol.com übernommen.