War so viel, ist so wenig

Jenen.
Vornehmer, nicht zu schreiben. Meint Borges.
Tausend Flüsse, kaum zu verfolgen, verästeln.
Verästeln, rätseln. Immer rätseln, er rät: selln. Immer rät: selln.
Jedem ein Traum, jedem sein eigener. Links und rechts
sinken im Moor sie ein. Verästelungen.
Träumt noch von klaren Flüssen?

Es sind schmatzende Moore. Himmeldurchstoßende Speere,
all that is solid melts into air. All that is solid melts.
Alles durchzogen von Teer, jede Seele asphaltiert.
Meine Seele war ein klarer Fluss.
Meine Seele war ein reiner Fluss.

Je n’accuse pas, je n’accuse plus.
Zu schreiben öffnet die Büchse, alles stürzt durcheinander,
flieht.

Ist ein Sturm im Wasserglas.
Ich schreibe für niemanden.
Niemand liest.

Ich schreibe,
niemand liest. Ist nicht real, nicht existent. Ist ein Schattengespinst,
züngelnder Rauch, war, ist fort, war nie, ist fort.
Wofür ich schreibe war nie,
ist fort.

War ein mächtiger Hieb, schädelzerschmetternd.
War eine Maus im Museum, die Welt zu erblicken.
Ein Porträt des Künstlers;
war noch jung, bin es nicht mehr.
Alle Stürme legen sich, ich schlafe viel.
Offenen Auges Routinen ergeben; ihr lest tausend Bücher.

Ihr lest tausend Bücher, jedes Jahr eintausend Bücher,
euer Leben ein Gang durch die Bibliothek.
Euer Leben ein Gang im Kreise herum.

Habt alles gelesen, habt nichts gelesen;
jede Verästelung ein Wurm.
Tausend Maden, konvulsivisch,
unkontrolliert.
Das Leben war nur ein Orgasmus.
Das Schreiben nur ein Orgasmus.

Abseits der Wände aus Glas ein Imperium.
Membran – sie verkaufen mir alles;
ich bin nur Geld, bin ein Wechsel.

[Dir gönn ich alles, so viel Gutes.
Jenen gönn ich alles, alles Viele.]

Sein Theaterstück schreiben
und es zeigen, heißt,
sich ins Nichts zu ergießen.
Keine Transzendenz.
Sein Theaterstück schreiben
und es zeigen, heißt,
sich zu verschenken.

Keine sprießende Wüste.

Ich kann nicht. Bin kein sprudelnder Brunnen.
Dem Wandernden ein Ziel,
dem Dürstenden das Leben.
Ich bin zu alt zum Schreiben und
auch viel zu jung.
Lausche lieber Stimmen
denn Wörtern.
Liebe nurmehr Menschen,
keine Bilder.

Ein Akt wider die Vernunft:
das hier. Ich erhoffe mir eine Leserin
und eine weitere.
Ihr anderen redet nicht.
Ihr anderen seid nicht.

Liebend les ich dem Lauschenden,
den anderen mag ich schweigen,
Ohren von Lärm versiegelt.
Vornehm ist es, zu lesen und zu lieben.
Ich lese nunmehr schweigend.

Ich schreibe immer weniger,
der Unterlauf versiegt.

Ins Leben.
Rejoindre les cieux comme la colombe.


Urheberrechtshinweis

Artikelbild: via Pixabay

Nur eine Waage, Fluchten abzuwiegen

Sterben bezieht seinen Standpunkt aus Schweigen“

Zu so wenigen Menschen pflege ich derzeit den Kontakt. Wieder das Gefühl, nichts sei wichtig und nichts verloren, für niemanden, wenn man Abschied nehmen würde – bin schon jetzt gar nicht mehr hier.

Stets schwingt in mir ein Satz mit, dem ich vor ein paar Jahren das erste mal begegnete: „Nur eine Waage / Fluchten abzuwiegen“ – nur eine Waage, Fluchten abzuwiegen. Dieser Satz ließ mich aufhorchen und in mich gehen: Was hält uns auf zu fliehen aus einem uns unliebsamen Umfeld zum Beispiel? Sind es die Menschen, ist es die schlichte Gewohnheit, die uns zu Gefangenen macht, im immer gleichen Kreis – ohne Ausweg?

Noch feiert der Tod / das Leben in dir / Närrin in der Spirale der Eile / jeder Schritt weiter entfernt von den kindlichen Uhren / und näher und näher gefasst vom Wind / dem Räuber der Sehnsucht –“

Solange wir warten – –
Solange wir warten, spüren wir den Atemhauch des Todes im Nacken, ist dort eine Angst, nie mehr sein zu können, als wir sind.
Vor ein paar Tagen las ich bei erleichtert über das Loslassen von Identität und Titel. Sie schreibt dort über die Schwierigkeiten, die es uns bereitet, über uns selbst hinauszuwachsen, weil wir uns oft nicht eingestehen, mehr sein zu können, als wir bereits durch Titel oder Berufsbezeichnung vorgeben zu sein. Und appelliert an ihre Leser: „Löse dich von ihm und du wirst sehen, dass es dich frei macht. // […] Gib dir die Konturen die du verdienst.“ Das empfand ich als sehr passend, als ich über die Zeilen von Nelly Sachs nachsann.

Vielleicht gehört das Sterben dazu. Nicht unbedingt im wörtlichen Sinne, vielmehr im räumlichen, gedanklichen und handelndem Sinne. Wenn man oft genug sterben gelernt hat im alten Leben, kann man es schließlich zurücklassen, ohne Reue, ohne Tränen, ohne schlechtes Gewissen. Man kann endlich loslassen, sich befreien von allem, das nur den Atem im Nacken heißer macht und gieriger. Nur eine Waage, Fluchten abzuwiegen…

Und wagt man den Schritt fort von den Menschen, fort von dem Ort der Kindheit oder den Gedanken, die quälen, vom Job oder den Stimmen, die rufen, den Händen, die reißen; fast kann man sich selbst entfliehen und hat dann die Chance sich neu zu finden.

Ein Fremder hat immer / seine Heimat im Arm / wie eine Waise / für die er vielleicht nichts / als ein Grab sucht.“

Es geht nur um das Loslassen der Heimat. Dafür braucht es Ruhe und Zeit. Stürzen wir uns in der Fremde gleich auf neue Aufgaben, neue Menschen, neue Jobs und Verpflichtungen, vergessen wir vielleicht, das Alte hinter uns zu lassen und tragen nun mehr Last als zuvor. Und folglich schwerer wiegt die Schale des Todes – und das Leben so leicht, dass es beinahe schwindet.

So also befreien von der Schwere des Todes, im Augenblick des Sterbens ihm den Rücken kehren, die Flucht aus der Bedrängnis.

Abgewandt / warte ich auf dich / denn nicht dürfen Freigelassene / mit Schlingen der Sehnsucht / eingefangen werden“


sachsgDie Zitate entstammen der bereits vergriffene Ausgabe:
Nelly Sachs: Ausgewählte Gedichte
Verlag: Suhrkamp

Urheberrechtshinweise
Artikelbild: von Namika.
Buchcover: von enzensberger.germlit.rwth-aachen übernommen.

»Daß ich nicht bleiben kann, tröstet.«

9200000033459811„Die Amsel zögert noch in einer Welt, / die innen stumm ist, außen kaum zu fühlen, / […].“ (S. 9, Vorfrühling)

An manchen Tagen ahnt man schon den Frühling. Verheißungsvoller Duft, der frühe Morgen und Abend begleitet von Vögeln, und tatsächlich scheint in manchen Stunden die Sonne mit einer solchen Kraft wie lang nicht mehr. Sie steigt hervor aus ihrem Dämmerschlaf und mit ihr streckt sich auch der Geist, und ein neuer Wunsch nach Leben und Weite wächst in den Herzen der Menschen.
Es ist ein kleiner Ausschnitt Frühling. Der Blick durchs Fenster, verschwommen vom Regen, macht ihn erahnbar – und bleibt doch unwirklich. Als wenn man lebt und doch nicht teilhat am großen Aufbruch, dem Erwachen und Streben der Welt.

Ich sitze auf dem Balkon. Es ist früher Abend. Allmählich weicht das Hell des Himmels kleinen Nadelstichleuchten der Nacht. Ich lege mein Buch zur Seite, wickle die Decke enger um mich und blicke hinauf in das abendliche Erwachen. Es ist der Trost des Nachthimmels, der mich gleichsam beklommen macht und selig. Die Hoffnung, dass ich nicht allein bin und der Unmut, dass ich doch verharre.

Ich treibe schneller, meine Träume weichen // der Endlosschleife Hoffnung, grauem Haar.“ (S. 42, Jetzt sei es an der Zeit, was vor mir liegt)

Vielleicht folge ich einer Bestimmung, deren Sinn sich mir heute noch verschießt, vielleicht wissen die Sterne mein Schicksal. Und es ist wirklich ein Gott in allen Menschen, der uns Liebe schenkt und Licht. Leiser Vogelgesang am Abend und der Glanz der Sterne, wenn es dunkelt.

Ich habe keine / Hoffnung, aber hier bin ich.“ (S. 86, Trost (Moments musicaux), 6)

Langsam wird es kälter, Wind kommt auf, Atem der Nacht. Ich schließe die Augen, träume mich an Sehnsuchtsorte, Orte des Trostes.
Man muss sie sich bewahren, diese Tröster, diese Orte, Menschen, Gesten, Blicke und Kleinode, die zeigen: Es lohnt zu hoffen und zu träumen. In Demut dem Wind.

Das Atmen ist Vertrauen ohne Sicht.“ (S. 34, Verwoben, seltsam ineinander, Hauch)

Oh, und doch beschleicht mich Zweifel, ob das Leben nicht mehr Prüfung ist als Lohn und wir verstoßen sind auf diese Erde. Heimgeholt werden, wenn wir alle Prüfungen durchstanden…?

„Daß ich nicht bleiben kann, tröstet.“ (S. 91, 11)

 


Die Seitenzahlen beziehen sich auf die gebundene Ausgabe:
Christian Lehnert: Aufkommender Atem
Verlag: Suhrkamp
Preis: 19,90 € (Vergriffen)
(Im Link daher die Taschenbuchausgabe.)

Urheberrechtshinweise
Artikelbild: von Namika.
Buchcover: von bol.com übernommen.

 

 

Die Schwerelosen. Ein Zwinkern

Manch Literatur ist eine Kathedrale, manch Kathedrale eine Bibliothek9783888978197. Mit Eintritt in ihren Raum ist uns die Not genommen, die Bedrängnis. Sie ist ein ruhiges Schiff dem Bestürmten, ein Haus dem Worte, das alles erschuf.
„Man muss noch Chaos in sich tragen, um einen tanzenden Stern gebären zu können“, so sprach Nietzsches Zarathustra sein Lob der Hoffnung.
Zarathustra begräbt seinen toten Gefährten in einem hohlen Baum, den Lebenden will er sich zuwenden, nicht länger den Toten:
„Gefährten brauche ich, und lebendige – nicht tote Gefährten und Leichname, die ich mit mir trage, wohin ich will.
Sondern lebendige Gefährten brauche ich, die mir folgen, weil sie sich selber folgen wollen – und dorthin, wohin ich will.“

In Die Schwerelosen schlägt Valeria Luisellis Alter Ego den entgegengesetzten Weg ein. Statt lebenden „Gefährten“, die für den Verlauf des Buches zunächst noch gesteigerte Relevanz besitzen und zu manch skurriler Anekdote führen, wendet sich die Erzählerin den in toten Bäumen Begrabenen zu, nahezu gänzlich unbekannten Dichtern. Die fortwährende und stetig erneuerte Erfahrung des Exils treibt die in Harlem lebende Mexikanerin einem lange verstorbenen Dichter namens Gilberto Owen zu, einem einstmals ebenfalls in Harlem lebenden Landsmann.
Luisellis Bild der Literatur ist das des Friedhofs, nicht das der Kathedrale; nicht das der Einkehr, weder in sich noch in jemand anderen, sondern das eines lebendigen Austausches, eines lautloses Übergangs, der Phantasmagorie, mithin eines Tanzes mit Gespenstern. Die sich verdichtenden Fragen, wer das Gespenst sei, der verstorbene Owen oder die vielleicht nicht grundlos namenlose Erzählerin; welche der vier Zeitebenen „real“, welche erfunden; bei manchem Rezensenten gar, ob der Roman überhaupt einen Sinn habe – sie alle lassen sich mit einem kleinen Zwinkern auflösen.


 

Verwiesen sei auf meine Besprechung des Essaybandes „Falsche Papiere“. Zum Abschluss meiner dreiteiligen Valeria-Luiselli-Reihe erscheint demnächst eine Besprechung ihres Romans „Die Geschichte meiner Zähne“. Dies ist der zweite Teil.

Informationen zum Werk

Autorin: Valeria Luiselli
Titel: Die Schwerelosen
Genre: Roman
Verlag: Antje Kunstmann, München.
Erscheinungsjahr: 2013
Seiten: 190
Preis: 16,95 Euro

Weiterführende Links

Rezensionen: FAZ
NZZ
Deutschlandfunk

Día de los muertos: Wikipedia („Schon die Azteken sahen den Tod nicht als Ende, sondern als Anfang neuen Lebens; eine Übergangsphase zu einer anderen Daseinsform.“)

Urheberrechtshinweise

Artikelbild: https://pixabay.com/de/friedhof-san-juan-puerto-rico-tod-966184/
Bild 1: Antje Kunstmann
Bild 2: Siehe Bildrand

Ibn Battuta für Jedermann – Eine gute Idee wird zum Korsett

„Jenseits aller Grenzen“ hat Erich Follath, Auslandskorrespondent des Nachrichtenmagazins Spiegel, sein Buch genannt.

Es lohnt sich, einen längeren Moment über den Titel nachzusinnen. Da ist der Begriff der Grenze, der zu Lebzeiten Ibn Battutas im 14. Jahrhundert für Reisende eine ganz andere Bedeutung hatte, als wir es heute gewohnt sind. So vergibt Saudi-Arabien für gewöhnlich keine Touristenvisa, möchte man das Land hingegen lediglich zum Transit nutzen, bleiben einem 72 Stunden in der Golfmonarchie. Nicht nur Ausländer haben Probleme zu reisen, selbst Staatsbürger werden mitunter kritisch beäugt: Der chinesische Staat könne es seinen Bürgern zwar kaum verwehren, nach Tibet zu reisen, da China Tibet als integralen Bestandteil seines Staatsgebietes ansehe. Allerdings beobachten die Behörden die Reisenden genau. Ibn Battuta hingegen konnte meist vollkommen unbeachtet reisen, nur seine Bekanntheit oder seine Entourage, oft auch seine Ambition sich in höhere Kreise einzuführen, machten die Herrscher auf seine Anwesenheit aufmerksam.

Ermöglicht hat Ibn Battuta dies die einigende Klammer des Islams, die auch stets dafür sorgte, dass der Reisende rasch Anschluss fand. Dies ist hingegen ein Jenseits-der-Grenze für die meisten Deutschen, bedeuten Islam und das sogenannte Morgenland doch nicht selten den ultimativen Gegenspieler, Identität und Alterität. Follath verhindert routiniert, dieses Bild zu verfestigen oder die Kluft zwischen „uns“ und „denen“ zu vergrößern.

Tatsächlich findet der Berber Ibn Battuta durch seine Arabischkenntnisse und seine Ausbildung im islamischen Rechtswesen immer Freunde, immer eine Stellung. Gleichwohl hätte er nicht Tausende von Kilometern reisen müssen, wenn ihm nichts unbekannt und fremd gewesen wäre.

Es ist Follaths Anliegen, den großen Weltreisenden des Islams als Menschen glaubwürdig zu machen, auch dort seinen Gedanken nachzuspüren, wo er sie im Bericht seiner Reisen, dem Rihla, ausspart. Er schafft es, ihn in seiner Widersprüchlichkeit darzustellen und zu akzeptieren, Ibn Battutas Wesen weder zu glätten, noch ihm einen Charakter anzudichten, den er womöglich gar nicht besaß.

Ibn Battuta war zu seinen Zeiten noch außergewöhnlicher, als er es heute wäre. Eine Reiseroute wie er sie zurücklegte, von Marokko bis nach China, entzog sich der Vorstellungskraft vieler seiner Zeitgenossen. Der Reisende reiste somit nicht nur jenseits aller Grenzen, er war auch immer jemand von jenseits der Grenze, ein unerreichbarer Mensch, einer, der sich in die Geschichte einschreiben sollte und Wissenschaftler bis heute beschäftigt: Kaum ein Islamwissenschaftler kommt in seinem Studium an ihm vorbei.

Wenn er nach China und nach Konstantinopel reiste, so verließ er sogar die Grenzen des islamischen Weltreiches, wenn man denn diese Ansammlung unzähliger Reiche als ein Reich bezeichnen mag.

Erich Follath beschränkt sich nicht darauf, Ibn Battutas Erlebnisse wiederzugeben, er pickt 13 bedeutende Stationen der Reiseroute heraus und schildert seine eigenen Beobachtungen, reichert sie mit Stadt- und Landesgeschichte an, mit Kultur und Politik, Architektur und auch einigen Anekdoten, ebenso untersucht Follath immer wieder die Rolle des Islams im jeweiligen Land sowie dessen Auslebung durch die lokale bzw. Landesbevölkerung. Das alles ist durchaus interessant zu lesen, insbesondere deswegen, weil Follath sich von Ibn Battuta entfernt und nicht versucht, das gesamte Buch um ihn kreisen zu lassen. Gleichwohl engt das ideengebende Konzept Follath ein, die Wiedergabe der Reiseroute- und erlebnisse Ibn Battutas zu Beginn eines jeden Kapitels wirkt bald wie ein Korsett.

Agiert Follath Ibn Battuta wegen innerhalb gewisser Grenzen, ist das Lektorat mitunter jenseits aller Geschmacksgrenzen: Kyros I. wird zu Gyros I., Yazid I. wird zu Jasia I., in Hafez‘ vollem Namen wird aus Schams Sams. Aus dem in der gesamten Türkei bekannten Kommissar Behzat wird Kommissar Belizat (ein unfassbar peinlicher Fehler), ein Begleiter Ibn Battutas heißt mal al-Tuzari, dann wieder al-Tuzrai, mal lernt er ihn in Kairo kennen, dann wieder in Anatolien, einmal steht im Buch (diesmal Fehler des Korrektorats) doch tatsächlich „profilaktisch“.

Stellt sich abschließend die Frage, ob es dieses Buch braucht, für wen es geschrieben ist.

In seiner Essenz ist dieses Buch ein weiterer Reise-durch-die-Welt-des-Islams-Reportagenband, als der ihn der Untertitel „Auf den Spuren des großJenseits aller Grenzen von Erich Follathen Abenteurers Ibn Battuta durch die Welt des Islam“ ja auch ausweist. Er ist in dieser Konzeption höchst konventionell, es gab und gibt viele mehr oder minder gelungene Bücher dieser Machart, dieses Mal lediglich mit dem prunkvollen Namen einer großen, wenn auch der breiten Öffentlichkeit im Westen weitgehend unbekannten Figur des islamischen Mittelalters versehen. So ein Buch lebt von seiner Aktualität, entsprechend unter Zeitdruck gesetzt fühlte sich offensichtlich das Lektorat. Weiter entwertet wird das Buch durch das fehlende Quellen- und Literaturverzeichnis, ein nicht zu unterschätzendes Ärgernis, auch deshalb, weil es Erich Follath immer wieder gelingt, bedeutende Romanciers ein- und anzuführen, dazu relevante Wissenschaftler.

Für Reportagen ist man mit dem mehrmals im Buch angeführten Navid Kermani besser bedient, wer sich für die Politik des Nahen und Mittleren Ostens interessiert, sei an Volker Perthes verwiesen, damit wiederum, großartige Literaten zu finden, haben wir Blogger (zumal wenn wir einander sowie die diversen Feuilletons lesen) naturgegeben keine Probleme.

Erich Follaths „Jenseits aller Grenzen“ ist ein durchaus lesenswertes Buch, dem Autor ist noch der geringste Vorwurf zu machen: Ein schlampiges Lektorat sowie ein fehlendes Literaturverzeichnis schmälern das Vergnügen. Positiv hervorzuheben bleibt die Gestaltung der Vorsatzblätter, insbesondere die Darstellung der exakten Reiseroute Ibn Battutas inklusive Reiserichtung und Ankunftsjahr (bei den maßgeblichen, im Buch behandelten Stationen; siehe Artikelbild) ist nicht nur hübsch, sie ist auch funktional. Auf diesen Weg sollte der Verlag im Falle einer Neuauflage zurückfinden.

 


 

Informationen zum Werk

Autor: Erich Follath
Titel: Jenseits aller Grenzen
Genre: Reportage
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt, München.
Erscheinungsjahr: 2016
Seiten: 528
Preis: 24,99 Euro

Weiterführende Links

Das Buch bei der DVA
Rezension der WELT

Urheberrechtshinweis

Artikelbild sowie Bild 1: DVA


Teerdurchzogen dankt der DVA für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

Sternschnuppe, du verlischst

Lieber Tom,

ich kenne dich seit zehn Jahren, ich kenne dich seit deiner Geburt. Es war ein Ereignis, auf das ich vorbereitet war und doch auch wieder nicht, wie wohl immer bei Begegnungen solcher Art. Du warst das achte Kind deiner Eltern, dank dir kenne ich sie und all deine Geschwister. Dank dir kenne ich dich, dank dir kenne ich den Wert, den Literatur für einen Menschen haben kann, dank dir erinnere ich mich deines Vaters wie eines Gottes. Da sind Erinnerungen in uns an Götter, Helden, dunkle Gewässer, durchwimmelt von tausenden Fischen, deren Namen wir nicht kennen, Krebsen, Garnelen, Sternen und Schnecken, Igeln und Haien, groß wie Wale. Dein Vater hob dich in die Lüfte, als du deine ersten Worte sprachst, und rannte mit dir durch den schattigen Garten, alle Leute mit seinen Jubelschreien zu wecken, die er nur finden konnte. Du warst ein Sonnenaufgang, ein vorüberziehendes Gestirn, du warst eine Sternschnuppe, die verlischt.

Einstmals war die Erde wohl ein weißglühender Himmelskörper wie die Sonne; unter glänzenden Sternen auf dieser so matten, glanzlosen Asche verloren!

Deines Vaters Vater war der geborene Schauspieler, dein Vater erbte sein Talent, und doch, o, er erbte doch nur die dunkle, müde Erde. Er bepflanzte sie, Gottes Sämann, ein Gott er selbst; was er berührte, wurde zu Gold, König Midas, green gold branches! Die Hände eines Steinmetzen habe er gehabt, riesige, sehnige Pranken, dabei doch unverkennbar die Hände eines Künstlers; von einem Engel träumte er.
Einmal, wir hatten uns lange nicht gesehen, ich nur unentwegt von dir geträumt, einmal, und das erzähltest du mir erst kürzlich, führtest du ein Gespräch, ein endgültiges, ich kann es nicht vergessen. Du fragtest oder wurdest gefragt, wie herum spielt keine Rolle, ob es besser sei, ein Talent, wenn auch ein kleines, zu haben, als gar keines. Du sagtest, es sei besser, eines zu haben, weil es das Leben desjenigen reicher mache. Das war konventionell. Damit ist jeder zufrieden, niemand reibt sich daran. Dein Gegenüber war dir plötzlich überlegen: Im Louvre, sagte er, gebe es ganze drei Gemälde, die er selbst hätte malen wollen. Drei. Und er könne keines davon malen. Er fragte dich: Was nützt es dir, Geschmack zu haben, Sehnsucht, wohlgeformte Hände, wenn sie kein Kunstwerk von Rang zustande bringen können? Was nützt es, einer unter einer Million zu sein, nicht ein Auserwählter unter all jenen, ein Gleicher unter Gleichen? Wenn wir alle sprechen, worin besteht die Kunst? Wenn Tausende malen und schreiben und schaffen, und vergehen doch nur im Fluss der Zeit? Treiben vorüber für immer? All die Leiden, Qualen, Marter! um dann nicht einmal in einem Museum zu hängen! um in einem Museum zu hängen, unbeachtet! um immer in der zweiten, dritten, zehnten Reihe zu stehen! Wozu das alles, wozu? Wozu sich nicht dem Leben hingeben, leben, lachen, leuchten ohne die Einsamkeit, die Zweifel, die Schrecknisse eines Künstlerdaseins? Du hast ihn verstanden und auch nicht, Tom. Du wusstest, es hilft nichts, das war lebenspraktisch von dir. Du wusstest, auch das Scheitern gehört zum Leben, du nanntest es seine herbe Schönheit. O Lost, A Story of the Buried Life. Du hattest Angst vorm Tod-im-Leben, davor, sich aufzugeben.
Es liegt eine gewisse Weisheit in der Aufgabe. Du konntest dir diese Weisheit nicht zu eigen machen, das ist mein Glück, denn sonst hätte ich dich nie kennengelernt, nicht dich, deine Eltern, deine Geschwister. Nicht deine Lehrerin, nicht die frühe Liebe, deine Geliebte und Mäzenin. Das ganze Personal deines Lebens, alle und jeden, du kanntest sie, erinnertest sie. Dir tat es um jede Seele leid, die du im dichten Gewimmel der Menschheit gefunden und wieder verloren hattest, für immer fort. Und doch warst du auch ungeduldig: Es gab Leute, denen wolltest du schnell entkommen, dann wieder solche, deren Geheimnis du ahntest, oft auch nur, dass dort eines war.
Mir gefallen die Nebenfiguren meist besser als die Hauptfiguren, immer dann, wenn ihnen ein Geheimnis gegeben ist, eine Seele. Du warst ein Künstler, Gottessohn, du hauchtest Leuten erneut Leben ein. Sie waren fort und du holtest sie zurück. Der Strom der Zeit riss sie mit sich und du erinnertest den Strom und beschriebst ihn, die Seiten waren dein Flussbett, die Lettern das Wasser, die Fische, die Tiefe und das Glitzern der Oberfläche.

Du warst ein Blender. Du warst klug, du warst intelligent, du warst beeindruckend. Doch natürlich musstest du behaupten, zwanzigtausend Bände in zehn Jahren gelesen zu haben. Zugleich irrtest du durch das wüste Land, weit und grausam und schön. Durch den Süden und späterhin durch den Norden und immer katapultierten dich alle Transportmittel. Jedes Taxi eine Schleuder, jeder Zug ein wild stampfendes Ungetüm, Ausbund an kaum gezähmter Kraft und Wut, Amerika, Amerika, das Maßlose!
Zugleich nannte man dich uneitel, du beschreibst erschreckend offen, was dich umtrieb. Bei Gott! hat der Junge den letzten Monat auch nur ein Bad genommen? wann war er das letzte Mal beim Friseur? Und dann die grässliche Hautkrankheit in deinem Nacken, Mantelkragen hochgeschlagen.
Es ist tatsächlich ein Durcheinander, man kann sein Leben ja auch nicht in einer Laune beschreiben. Es gibt gute Tage und schlechte, du warst manisch, warst depressiv. Mich überrascht immer aufs Neue die Ausdauer, die Schriftsteller aufbringen, minutiös zu beschreiben. Seitenweise an der selben Sache dranzubleiben. Dein zweites Buch kann ich nur manisch lesen. Nicht weil es mich mitreißen würde, nein, nicht sonderlich. Weil man durch diese Seiten durcheilen muss, schneller noch, als du sie geschrieben hast. Man spürt, wie du diese Seiten geschrieben haben musst. Mir war das oft zu viel.
Dieses dein zweites Buch las ich erst kürzlich, du hast dich verändert.

Du hast dich so stark verändert wie ich mich. Oder vielleicht doch stärker. Ich mag nur so naiv sein, wie es noch ehrlich ist – Himmel, man lernt doch dazu! Es ist doch klar, dass die erneute Lektüre des Lieblingsbuches nach fünf Jahren, noch dazu in Neuübersetzung, eine Korrektur bedeutet. Und doch war da zu viel Verlust für mich. Über die Jahre griff ich immer wieder zu deinem Buch, zwei Sätze, mehr brauchte es selten, schon stockte ich. Ich konnte nicht weiterlesen. Weißt du was Worte vermögen?
Du warst immer auf der Suche nach der verlorenen Sprache, für mich hattest du sie gefunden. Ich habe die Urteile über dich gelesen, in den letzten Jahren gab es da viele, plötzlich lernte dich jeder kennen.
Kein Erwachsener kann dich kennenlernen. Nur ein Hungernder erkennt dich, nur ein Dürstender, nur ein Bettler und eine Hure, nur der Abschaum und die Verstoßenen, nur die Zweifelnden und Ziellosen, die Kinder, die Waisen, die Schmutzstarrenden und Kranken, all die verlorenen Seelen, der bröselnde Lehm, rasselnder Atem. Gestirn, warst du nur eine Sternschnuppe? Bist du verloschen?
Keine Sternschnuppe. Kein Gottessohn.

Keine Sternschnuppe kein Gottessohn.

Du bist keine Sternschnuppe, nicht Gottes Sohn, kein glühender Himmelskörper, einst, dann nie. Du bist der Wohlgeborene, ein Jesus unter tausenden. Du warst allein. Ich kann dein Buch wieder lesen; was du geschaffen hast, verbrennt mich nicht länger. Die Erde nur müde Asche.
Es gibt da einen Mann, der hat dein Buch gelesen, man kann es sich immerfort anhören, so man das aushält. Dein Buch könnte ich mir immerfort anhören, dein erstes, dein Meisterwerk. Aber in meiner Stimme. Ich mag meine Stimme. Ich mag keinen müden alten Mann lesen hören, traurig, wehleidig, ach-was-ist-das-Leben-schwer; ich mag voranstürmen, wo du stürmst, meine Brust heben, wo du erhebst, mag dich mit Verve und Pathos und Jugend lesen, mich der alten, verlorenen Sprache erinnernd, wann, wo?

Ich mochte dich nicht mehr recht leiden. Du schienst mir plötzlich weit entrückt. Es ist der Schock, wenn unsere vorgefertigte Meinung enttäuscht wird, unsere Täuschung als solche entzaubert, spellbound, Bann gebrochen.
Dein Erstlingswerk las ich; den Nachfolger; ein Spätwerk (meine Güte, und das soll nicht antisemitisch sein?); auch eine Kurzgeschichte: alle in neuer Übersetzung.
Dein Erstlingswerk hatte einen sprechenden Titel, den hat man ihm geraubt; das Nachfolgewerk ist gleich doppelt so schwer, wie es sein sollte. Fitzgerald meinte, keines deiner Wörter und Worte dürfe man wegstreichen, egal wie lang ein Buch von dir werde. Ich mochte ihm nach der Lektüre von Schau heimwärts, Engel recht geben. Nach der von Von Zeit und Fluss nicht mehr. Noch dazu vermisst man deine Familie und Altamont, deine Mutter, deinen Vater, deine Brüder Luke und Ben, Helen und all die anderen Menschen der vielgesichtigen Stadt, die Route durch „Niggertown“, die Druckerschwärze und das Nikotin an den Händen, in der Lunge; O Lost! du wusstest, was du tust.
Dir war nicht wohl mit deinem zweiten Buch. Du tatest recht daran. Und doch ist es von deinem Genie durchdrungen, hast du mit ihm dem ersten etwas Wertvolles hinzugefügt. Vielleicht hatte ich erwartet, mehr Antworten in diesem Buch zu finden, das nunmehr für mein Alter das richtigere scheint. So als könntest du der Lebensautor bleiben, der du für mich warst, als sei die nachträgliche Enttäuschung über dein Erstlingswerk (dritte oder vierte vollständige Lektüre) nur allzu natürlich, da ich nicht länger das Ich von vor zehn oder fünf Jahren bin.

Heute habe ich alle möglichen Bücher von dir bestellt, alles was es von dir in deutscher Übertragung gibt, dazu zwei amerikanische Biographien. Das hätte ich vor zehn Tagen nicht gedacht. Verstoßen wollte ich dich, Vergangenheit, Danke und Tschüss, war eine schöne Zeit. Nun will ich dich erst recht ergründen, ich weiß noch nicht warum. Weder habe ich dafür die Zeit, noch ist das, womit du dich beschäftigst, das, was mich derzeit beschäftigt.
Sicher, ich wollte auch einst Schriftsteller werden, wollte, ohne etwas dafür zu tun. Stattdessen interessiere ich mich unvermindert für den Nahen und Mittleren Osten, in manischen Phasen lerne ich Persisch, in depressiven vergesse ich das meiste wieder, auf und ab. Eine Welle, die sich mitten auf dem Meere bricht.
Vielleicht, dass ich in O Lost steckenblieb, mich darin verlor, während Zeit und Fluss meine Kanten und Hoffnungen schliffen. Bis Hoffnung nur noch der Stein war, der mich in die Tiefe zog. Vielleicht, dass ich mich wehren mag, dich neu kennenlernen, die Hoffnung neu deuten. Ich habe etwas verloren, jeder Mensch tut das. Nun will ich es wiederfinden.

Uns sprachlos erinnernd – wie hält es den Engel im Gleichgewicht ohne Flügel?

Ich bereichere mich an den Toten, um mein Leben bedeutsamer zu machen

Regen. Jeder Blick aus dem Fenster bleibt an den Tropfen hängen. Wann schien das letzte Mal die Sonne?
Gestern Abend, die Fenster standen weit offen, war es zu dunkel um ihn zu sehen. Man hörte nur das unendliche Rauschen. Hin und wieder ein Auto und die Scheinwerfer ertappten die dünnen Finger, die über alles hinstrichen, eine prickelnde Liebkosung, als wäre mir die Hand eingeschlafen, die ich dem Regen reichte. Er verwandelt die Straßen in schwarze Spiegel, die nur zurückwerfen was leuchtet und den Rest in ihrer Dunkelheit verschlingen.
Nun ist die Nacht vorbei. Die Bäume weinen unter ihrer nassen Last – es fallen ihnen Tränen aus den Blättern.

Ich blättere in meinen Notizen vom Sommer 2014, finde den Satz „Man hat keine Chance, »Leben festzuhalten«, wenn man kein Notizbuch führt“ (aus Sylvia Plaths Tagebüchern, S. 215), und überlege, ein paar Gedanken aus dem Geflecht meiner eigenen Notizbücher herauszuformen. In dieser Zeit waren sie durchwirkt von Plath-Zitaten.

2429_de_fvag_co_sylpla_tagebuecherWir hatten als kleine Einstimmung den Film „Sylvia“ begonnen und gerieten ins Schwärmen. Es war ein schöner Abend, ein langer. Schade, dass ihnen die kürzesten Nächte folgen.
Tags darauf begann ich meine Lektüre der Tagebücher. War gleich gefangen. Ein Tagebuch ist doch immer etwas anderes als ein Gedicht, eine Erzählung, ein Roman; vielmehr eine Art Rohaufnahme der Gedanken eines Autoren.

M. stellte zu Beginn ganz richtig fest, man suche sich selbst in den Büchern. Zeitweilen erhascht man sein Spiegelbild; dann wieder sind es fremdartige Schemen.
Ja, mein sehnlichster Wunsch, mich mit Straßenvolk einzulassen, mit Matrosen und Soldaten, Nachtschwärmern –, Teil einer solchen Szene zu sein, anonym zu bleiben, zuzuhören, aufzunehmen –, all das wird mir vereitelt durch die Tatsache, daß ich ein Mädchen bin, ein Weibchen, immer in Gefahr, verletzt und vergewaltigt zu werden. Mein aufreibendes Interesse an Männern und ihrem Leben wird oft mißverstanden als der Wunsch, sie zu verführen oder als Einladung zur Intimität. Ja, Herrgott, ich will mich mit jedem unterhalten können, so intensiv wie möglich. Ich möchte auf offenem Feld schlafen, nach Westen ziehen und nachts frei herumlaufen können.“ (S. 52/53)
Ich denke an den Regen zurück und wie mich solche Sommernächte hinausziehen und ich doch sitzen bleibe – schwärmend vielleicht – am Schreibtisch, nur hinauslausche, den Stift in der Hand, zitternd vor Erwartung eines Gedankens, der lohnt.
Es gilt, wahrhaftiger zu leben. „Alles, was für mich selbstverständlich ist, will ich mir voll und ganz bewußt machen. Wenn man das Gefühl hat, das könnte der Abschied sein, das letzte Mal, trifft es einen tiefer.“ (S. 32) Wie oft nimmt man sich das vor? Was bleibt, ist ein großer Schmerz, entstanden aus dem Verlust der eigenen Prinzipien.
Und dann erkennt man, ich bin viel weniger losgelöst, als ich es ersehnt hatte: „Und du bist erschrocken, als du dich verstummen hörtest und ein Echo der Stimme deiner Mutter spürtest […].“ (S. 47) Und man wünscht sich, es gäbe die Möglichkeit der frühzeitigen Erkennung solcher Situationen, eine Art Frühwarnsystem. „Ich wünsche mir von Herzen, es gäbe ein absolutes Wissen, und irgendein Mensch, dem ich trauen könnte, würde mich kritisch beurteilen und mir die Wahrheit sagen.“ (S. 58)

Es ist schön, einzutauchen in das Leben einer Fremden, die mit jedem Wort vertrauter wird. Und auch, wenn sie, wären wir uns begegnet, mich vielleicht nicht hätte leiden können, rührt sie mir doch mein Herz an, einer Freundin gleich. Und ich lese Plaths Tagebücher wie Briefe und kann kaum aufhören, schlinge, auch wenn ich ihrem Tod damit nur noch schneller entgegeneile. Denn dies ist sicher: Ich lasse sie sterben durch mein Lesen. Das Buch als papierner Grabstein im Regal. In meinem Herzen lebt sie durch die Anstöße und Gedanken, die mich bewegen und die von ihr bleiben werden, fort.
Doch sie wird sterben vor meinen Augen, und ich bin schuld, solange ich lese. Bereichere mich an den Toten (hin und wieder auch an den noch Lebenden), um meinem Leben mehr zuzuführen, es bedeutsamer zu machen und den Drang zum Schreiben immer wieder von neuem zu entfachen. Doch führe ich mir auch meine Nichtigkeit vor Augen und glaube nicht daran jemals mit ihnen in einem Regal zu stehen. Und wenn doch, so werde ich klein sein und ihre Blicke werden mir die Wangen entfachen und ich werde brennen und vergehen, schneller als ich mich in Gedanken zu ihnen zu stellen wagte.
Verbrannt bin ich / nur Asche bleibt / von dem was einst gewesen…
Und am Ende werden nur die Menschen, die mich kannten und vielleicht schätzten, nach mir suchen.
…wenn ihr mich sucht: / ich bin nicht weit! / Verstreut nur überall.

Auch Plath reflektiert: „Ich identifiziere mich zu stark mit dem, was ich lese und schreibe […].“ (S. 142) Ich denke, Identifikation ist wichtig, und wenn einem das Umfeld keine Menschen dafür bietet, muss sie von andersher kommen.

Vor mir hat sich ein Zeitfenster aufgetan. Ich habe mich entschlossen und will mich wandeln, will hindurch. Morgen werde ich sehen, ob ich es schaffen kann, oder es nur ein Tag war wie ein Blick, eine Nacht wie ein Blinzeln und Morgen ein Augenaufschlag und alles ist beim Alten?

Am nächsten Tag kam ich erst am Abend zum Lesen. Den Tag über war ich niedergeschlagen und enttäuscht, das Hochgefühl vom Vortag hatte nicht angehalten. Aber ich wurde ermahnt: „Sentimentalität ertrage ich nicht. Verhindere sie; laß sie raus, dann entscheide dich, was zu tun, und tu’s.“ (S.175/176)

Die Tagebücher führen auch mich durch die Zeit. Manchmal sind es beinah bekannte Begebenheiten und ich fühle mich weniger allein mit der Situation: „Ted bewies brillanten Scharfblick, als er sagte, ich bräuchte mindestens ein Jahr, um mich an einem Ort einzuleben – aber so ungefähr jedes Jahr eine Ortsveränderung, als neue Anregung für das Schreiben. Genau so ist es.“ (S. 216) Einerseits darf man nicht zu lang bleiben, die Eintönigkeit graut den Himmel und verpestet die Luft, doch um Wurzeln zu schlagen, braucht man zuverlässigen Boden. So bin ich eine Topfpflanze und verkümmere in immer der gleichen, beengenden Erde.

Wenn ich einen Roman schreiben würde, ich würde mich auch dehnen und „täglich eine Seite Tagebuch [schreiben] zum Warmwerden“ (S. 227) wie Plath. „Jeden Tag schreiben. Egal wie schlecht.“ (S.230) Zu manchen Aktivitäten muss man sich täglich zwingen, auf dass sie zur Gewohnheit werden. Plath fühlt sich unter Druck gesetzt, gut sein zu müssen, schreibt von einem Dämon, der von ihrem Ich „verlangt, es müsse wie ein makelloser Diamant werden, und […] ihm befiehlt abzuhauen, wenn es auch nur ein bißchen weniger ist.“ (S. 245) Und er bringt das Ich damit um. Sie beschließt also, Tag für Tag dagegen anzukämpfen, besser zu sein als am Tag davor. Und wenn sie viel dafür gearbeitet hat, besser zu werden, „und am Ende sagen kann, es fällt mir leichter, ich bin selbstbewußter & eine bessere Lehrerin als damals am ersten Tag, dann habe ich genug geleistet.“ (S. 245) Stetig versuchen, sich in seinem Tun und Schaffen zu übertreffen, um eine Veränderung, will sagen Verbesserung, wahrzunehmen und diese Leistung wertschätzen zu lernen. Ohne starken Willen ein schwer zu erreichendes Ziel, aber nicht gänzlich unmöglich.

Dazwischen steht immer der Kampf gegen den „Normalmenschen“ und sein Handeln. „Mein Dämon möchte, daß ich schreiend davonrenne, wenn ich eure Fehler mache, wenn ich mich irre. Er will, daß ich denke, ich bin so gut, daß ich perfekt sein muß. Oder gar nichts.“ (S. 246)
Wichtig für ein persönliches Vorwärtskommen ist es, nicht zu Jammern. Es belastet mehr, als dass man sich besser fühlt. Sich in Selbstbeherrschung üben und nur Gutes teilen und somit mehren: „Vor allen Dingen: Sag bloß Ted nichts von deinen Sorgen. Wenn er da ist, überkommt mich die katastrophale Versuchung, mich zu beklagen, ihm meine Ängste und Nöte mitzuteilen. Not liebt Gesellschaft.“ (S. 249)

Es gibt auch Parallelen zu Gesprächen, die man führte. Es beschäftigen einen ähnliche Dinge: „Ted und ich haben gestern über Jobs geredet: Auf seine Art ist er so pathologisch wie ich zwanghaft gegen die Gesellschaft, deshalb stellt er sich »einen Job annehmen« als eine Art Gefängnis vor. […] So viele haben geregelte Jobs und sind tot, warum sollte es ihn nicht umbringen?“ (S. 384) Andererseits verschafft einem ein regelmäßiger Gehaltseingang Sicherheit und in gewisser Weise künstlerische Unabhängigkeit. Das Geld, das durch den Job einfließt, gibt dir Zeit zur Entfaltung deines Schreibens – das Schreiben ist also ein Zufluss, kein Hauptstrom.
Es darf unter dem Job nur nicht leiden, nicht aufhören. Es darf gar nicht erst darunter sein! muss vielmehr erhaben über allem stehen und einem den Rücken stärken, Kraft geben, weiterzumachen.
Man muss etwas haben im Leben, über das man sich freuen kann, das einen stärkt, ansonsten machen wir uns zu Sklaven der gesellschaftlichen Vorstellungen vom Leben. Es ist die größte Ironie und Geißel, Geld zu brauchen, um sich Freiheit zu schaffen (oder gar „leisten zu können“).

Nun ist es spät geworden. Und ich schlüpfe in die Federn, gleich einer zweiten Haut.


Die Seitenzahlen beziehen sich auf die folgende Ausgabe:
Sylvia Plath: Die Tagebücher
Verlag: Frankfurter Verlags-Anstalt
Preis: 28,00 €

Urheberrechtshinweise
Artikelbild: von Namika.
Buchcover: von der Verlagsseite übernommen.